Inception | a dream within a dream
Dreams feel real while we’re in them. It’s only when we wake up that we realize something was actually strange.
erklärt Dom Cobb in Christopher Nolans Film Inception der Architekturstudentin Ariadne, als er sie in die Welt des Dream-Sharing einführt – dem gemeinsamen Erschaffen und Erleben von Träumen. Kurz darauf bricht die Umgebung des Pariser Eckcafés, indem die beiden sich unterhalten, zusammen. Pflastersteine werden aus dem Boden gesprengt, Geschirr schwebt durch die Luft und zerspringt klirrend, Hausfassaden lösen sich auf. Der Traum kollabiert. Dabei hatte alles so real gewirkt.
Schon in The Prestige hat Nolan ebenso sehr das fiktive Publikum der Illusionskünstler Alfred Borden (Christian Bale) und Robert Angier (Hugh Jackman) wie die realen Zuschauer seines Films an der Nase herumgeführt. Während im Laufe des Films sämtliche Illusionen der beiden Hauptcharaktere stets rational erklärt, die Tricks hinter den Zaubershows gezeigt werden, ändert Nolan unmittelbar vor dem Ende die Regeln. Bleib der Film bislang dem Realismus verhaftet, wird das letzte, größte Rätsel – der großartigste Zaubertrick von Robert Angier – zwar ebenso wie die vorherigen mit einer technischen Erfindung erklärt, jedoch einer, die nicht existiert. Der Film bedient sich kurzerhand eines Elements aus der Fantasy/Science Fiction, um ein unmögliches Rätsel zu lösen. Das hier betriebene Spiel mit der Erwartungshaltung des Zuschauers kann man als frühe Aufwärmübung des Regisseurs für Inception betrachten.
Mit Inception hat Christopher Nolan sein bislang intelligentestes und facettenreichstes Werk vorgelegt. Er hat einen Film geschaffen, der nicht nur mit einer raffinierten und komplexen Geschichte überzeugt, sondern vor allen Dingen das Medium Film sowie den Realitätsbegriff auf eine zuvor ungekannt geschickte Weise reflektiert.
Um diese Aussage zu erklären, bedarf es einiger Ausführungen. Die erste und Entscheidenste lautet:
Alles ist ein Traum. Jede Szene des Films ist ein Traum. Selbst die Szenen, die dem Zuschauer auf den ersten Blick als Realität gelten, sind geträumt – vermutlich vom Hauptcharakter Dom Cobb.
Dafür gibt es zahlreiche Hinweise, die allerdings nicht unbedingt sofort auffallen. Als Cobb mit seinem Schwiegervater Miles (Michael Caine) erstmals über den Auftrag spricht und ihm erklärt, dass er aufgrund seiner Frau Mal nicht mehr selbst Träume bauen könne, ändert sich mit einem Mal der Ton der Szene. Miles lehnt sich zu Cobb vor und bittet ihn eindringlich, in die Wirklichkeit zurückzukommen. Ebenso stellt Mal ihm gegen Ende des Films die Frage, ob er denn keinerlei Zweifel habe, und es nicht merkwürdig finde, wie ein paranoider Träumender von anonymen Unternehmen und Polizeikräften durch die Welt gejagt zu werden. Die Verfolgungsjagd in Mombasa, wo Cobb den Imitator Eames (Tom Hardy) aufsucht, weist sehr traumartige Aspekte auf – beispielsweise die enge Gasse, deren Wände sich auf Cobb zuzubewegen scheinen und denen er nur knapp entkommt. Anschließend taucht wie von Zauberhand Saito (Ken Watanabe) mit einem Auto auf, um ihn mitzunehmen. Sehr unwahrscheinlich, außer natürlich in einem Traum.
Der Kreisel, das „Totem“, ist aus zweierlei Gründen kein Beweis dafür, dass Cobb sich in der Wirklichkeit befindet; zum einen wird im Film explizit gesagt, das Totem sei eine Möglichkeit, zu überprüfen, ob man sich im Traum eines anderen befindet. Cobb befindet sich während des gesamten Films in seiner eigenen Traumwelt. Zum anderen kann er als Träumer den Kreisel selbst durch sein Unterbewusstsein beeinflussen und dadurch zum Umfallen bringen.
Die Szene nach der ersten Extraktion-Mission gegen Saito, in der Cobb im Hotelzimmer sitzt und den Kreisel dreht, zeigt sehr deutlich seine eigenen unterbewussten Zweifel an der Wirklichkeitsebene. Mit der Waffe an der Schläfe, bereit, sich notfalls aufzuwecken, blickt er gebannt auf den Kreisel. In seinen Augen sieht man ein brennendes Flehen, er möge umfallen – er muss einfach in der Wirklichkeit sein! Der Kreisel fällt um und im selben Moment rufen Doms Kinder an.
Dass Cobb nicht einfach Miles beauftragt, die Kinder zu ihm nach Frankreich zu fliegen, wäre für gewöhnlich als maßgeblicher Logikfehler des Films zu bewerten, in der Logik eines Traums sind solche offensichtlichen Lösungen hingegen oftmals unmöglich.
Indem Christopher Nolan die „oberste Ebene“ als vermeintliche Realität zeigt, deren Traumartigkeit nur schwer durchschaubar ist, versetzt er den Zuschauer in die gleiche Lage wie den Hauptcharakter Cobb. Realität und Illusion verschwimmen und doch fühlt sich alles echt an.
Geht man etwas weiter in der Rezeption von Inception als Metafilm, so zeigen sich interessante Metaphern. Dass die ganze Mission starke Züge einer Filmproduktion hat, zeigt sich ganz offen in der Rolle von Eames als Schauspieler, Cobb als Regisseur, Ariadne wohl als Drehbuchautorin, Saito als Produzent. Als letzterer im Film darauf besteht, die Mission zu begleiten, um die Arbeit des Teams zu überprüfen und Eames ihn mit “We’ve no place for tourists” zurückzuweisen versucht, lassen sich Parallelen zu den Spannungen zwischen einem Filmproduzenten und dem Kreativteam erinnert – nicht wenige Regisseure sind bemüht, die Anwesenheit des Produzenten am Set zu vermeiden.
Welche Rolle Arthur in der Film-Analogie zukommt, ist nicht ganz eindeutig, möglicherweise die des Aufnahmeleiters. Eine bedeutsame Beobachtung ist auch, wie gefährlich und folgenschwer es für Nolan scheint, wenn ein Regisseur (Cobb) sein persönliches Innerstes in sein Werk einbringt. Im Film sagt Cobb zu Ariadne (der Drehbuchautorin), er dürfe nicht wissen, wie der Aufbau sei. Das Drehbuch zu Inception hat Christopher Nolan selbst geschrieben:
So now you’ve noticed how much time Cobb spends doing things he says never to do?
Gleichsam wie Cobb und sein Team für ihr Inception-Missionsziel Robert Fischer (Cillian Murphy) einen Moment der perfekten Katharsis schaffen müssen, inszeniert Nolan für seine Charaktere und damit auch uns als Zuschauer zwei solche Momente; zum einen Cobbs letztes Gespräch mit Mal, in dem er einsieht, dass sie ihre gemeinsame Zeit hatten und er sie gehen lassen muss – zum anderen Robert Fischers Erlösung. Ein Zeichen von Liebe, das Fischer sich ein Leben lang von seinem Vater ersehnt hat, symbolisiert in einem Windrad.
Wir fühlen Cobbs Schmerz, wir fühlen seine Erlösung, wir fühlen die Befreiung Robert Fischers als wäre es unsere eigene.
Am Ende hat sich Cobb vergeben. Dass er nach wie vor träumt, ist ihm egal. Zwar dreht er den Kreisel, aber als er seine Kinder wiedersehen darf, interessiert ihn nicht mehr, ob er fällt oder stehenbleibt. Er geht zu seinen Kindern. Das Bild wird schwarz, die Lichter gehen an. Der Traum kollabiert.
Es war alles ein Traum. Aber unsere Gefühle waren vollkommen real.


Mensch, gelsen und zur Arbeit verspätet
Grüße,
Konstntin
Das war nicht meine Absicht.