Rubber | der antifilm

Samstag, 25. September 2010  |  Filmgedanken

Es geht um einen zum Leben erwachten Autoreifen mit übernatürlichen Fähigkeiten, der die Einöde durchstreift und auf seinem Weg per Gedankenkraft die Köpfe zahlreicher Menschen explodieren lässt.

So oder so ähnlich lautete die Inhaltsbeschreibung, mit der Quentin Dupieux’ Rubber auf dem Fantasy Filmfest 2010 beworben wurde. Was nach einem grandios absurden Setting für einen unterhaltsamen Schwachsinnskurzfilm klingt, sollte aber tatsächlich ein 94-minütiger Spielfilm sein – mein skeptisches Interesse teilten offenbar viele, die Vorstellung im Berliner Cinemaxx am Potsdamer Platz war vollständig ausverkauft.

Nach der grandiosen Einstiegsszene war ich überzeugt, einen genialen Film vor mir zu haben – nach dem Abspann hingegen regelrecht in Rage über den Film und vor allem seinen Regisseur.
Das im Vorspann eingeführte intellektuelle Fundament des Films basiert auf einer in sich unsinnigen Prämisse, die These des “it happens for no reason” ist physikalisch wie künstlerisch unmöglich. Der Außerirdische in E.T. ist entweder braun, weil die Evolution auf seinem Planeten dies begünstigt hat oder weil der Kreaturendesigner Steven Spielbergs ihn aus ästhetischen Erwägungen so gestaltet hat oder aus einem von hundert anderen möglichen Gründen, aber nicht aus keinem Grund.
Die Ursache ist manchmal werkimmanent zu finden, manchmal nicht – aber es gibt sie immer. Eine Wirkung ohne Ursache existiert nicht, nur Ursachen, die als solche nicht erkannt wurden. Übersetzt man “reason” hier mit “Sinn”/”Zweck” statt mit “Ursache”, kommt man der Sache schon näher. Befriedigend ist ein Film, der sich durch seine Sinnlosigkeit und die sämtlicher inhaltlicher und stilistischer Elemente definiert, dennoch nicht. Für mich jedenfalls.

Mein Ärger dem Film gegenüber gilt dem Eindruck, der Regisseur sowie der Film verspotte aufs Tiefste den Filmzuschauer sowie das Medium Film an sich. Während Christopher Nolans Inception in zahllosen Analogien zur Kunst des Filmemachens selbst die im Film gefundene Katharsis als emotional und damit psychologisch gleichwertig mit einer realen Gegebenheit deutet, scheint Quentin Dupieux das genaue Gegenteil zu postulieren.
Die in Rubber dargestellten Zuschauer sind in Ihrer Einfachheit geradezu karikaturenhafte Bemitleidenswerte, ihrer Selbstaufgabe verhaftet, indem sie sich bemüht auf einen Autoreifen projizieren und sich damit identifizieren.
Den Filmcharakteren sind die Zuschauer, die auf Teufel komm raus eine Auflösung zu jeder noch so hirnrissigen Geschichte suchen, statt sich von ihr einfach abzuwenden, nicht mehr als eine Plage – sie versuchen, sich derer mit Gift zu entledigen.

Als die störenden Zuschauer tot sind, können die Filmcharaktere endlich den Schwachsinn sein lassen und nach Hause gehen. Der Überlebende jedoch fordert eine Fortführung der Geschichte und so geht das Spiel weiter.

Als der handlungsinterne Regisseur, der auch der Polizeichef ist, vom letzten Zuschauer Vorschläge zur Verbesserung der tatsächlich absurd langweiligen Handlung erhält, gibt er vor, diese beherzigen zu wollen, verflucht und beleidigt sein Ein-Mann-Publikum aber auf tiefste, sobald jener ihn nicht mehr hören kann.

Ob der Film den in der letzten Einstellung postulierten Riss im Gefüge der Hollywood-Welt tatsächlich anstoßen können wird, bleibt abzuwarten. Ich selbst hoffe, ihn mit der gerade aufgeführten Interpretation missverstanden zu haben, denn eine derart negative und herablassende Sicht auf das Medium Film sowie seine Schaffensmechanismen kann ich keinem Regisseur verzeihen, geschweige denn sie nachvollziehen. Dass der Film genug Luft für den Zuschauer lässt, ihn intellektuell anzureichern, steht wohl außer Frage. Dass der Zuschauer sich auch tatsächlich darauf einlässt, so viel in den Film zu investieren, während der Film und seine Charaktere selbst zu keiner entsprechenden Gegenleistung bereit sind, entspricht genau der Handlung des Films.

Das macht den Film in meinen Augen jedoch lange nicht gut, es stellt ihn hingegen als zynisch-parasitäres Werk bloß. Die im Einstiegsmonolog von Rubber angeführten großen Werke der Filmgeschichte hatten alle gemeinsam, dass sie den Zuschauer in der von Christopher Nolan erklärten Weise bereichert haben. Das angebliche Element des “no reason” ist nicht nur nonexistent, sondern ganz abgesehen davon kein Grund für die Bedeutung und Wirkung des Werks. Als selbsterklärte Hommage an dieses Element kann Rubber also nicht erwarten, in die Liga jener Filme aufgenommen zu werden.
Weniger als um diese Filme dreht er sich um sich selbst und handelt von nichts. Ein Film, dessen Ziel es ist, sein Publikum intellektuell wie emotional unbefriedigt zu lassen. Eine Daseinsberechtigung ist das sicherlich, aber damit auch ein Film, den man als Filmliebhaber hassen darf und vielleicht sogar soll.


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